„Ben-Gunn-Haus“

Auf dieser Seite möchten wir unser Ben-Gun-Haus-Projekt vorstellen und regelmäßig über die Fortschritte berichten.

Was ist das Projekt „Ben-Gunn-Haus“?

Das Ben-Gunn-Haus ist ein Projekt zur Förderung Selbstgesteuerten Lernens, der Erprobung fachdidaktischer Methoden und zur Erforschung historischer Lebenswelten für Schüler*innen, Studierende und Fachwissenschaftler*innen und -didaktiker*innen. Zu diesem Zweck suchen wir noch weitere Projektpartner.

Das Objekt

Ergebnis des Projekts soll der Nachbau, bzw. die (Re-)Konstruktion einer frühneuzeitlichen Holzhütte sein, wie sie als temporäre und provisorische Behausung von europäischen Jägern, Tabakbauern und Schiffsmannschaften oder auch von Gestrandeten und Schiffbrüchigen vornehmlich im 17. und 18. Jahrhundert genutzt worden ist. Ebenso kommt dieser Typus von Behausung immer wieder in zeitgenössischen Texten vor, als Ausdruck von europäischen Zivilisationsvorstellungen oder Ausgangspunkt von Utopien (Die Schatzinsel, Die Insel Felsenburg, Robinson Crusoe, usw.), so dass das Objekt durch seine vielfachen Bedeutungen über den Bau hinaus zu vielfältigen Fragestellungen und Problematisierungen einlädt.

Die Ausrichtung auf einen temporären bzw. provisorischen Bau ist für die Beschäftigung mit historischen Lebenswelten im Rahmen dieses Projekts insofern in besonderer Weise sinnvoll, als dass der Bau weniger Spezialwissen benötigt, sondern viel mehr das Wissen um die allgemeinen Lebensumstände und zeitgenössischen Improvisationsmöglichkeiten. Zudem kann mit dem Bau schneller begonnen werden, da die Konstruktion aus weit weniger Details besteht als dies bei einem regulären Wohnhaus der Fall wäre.

Beteiligte und Ziele

Zur Realisierung des Projekts gilt es, verschiedene Akteure und Akteursgruppen zusammenzubringen, die mit ihren je unterschiedlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten nötig sind und in einem fruchtbaren Austausch gemeinsam lernen sollen.

Die Leitung und fachwissenschaftliche sowie handwerkliche Anleitung übernehmen Historiker*innen und Handwerker*innen verschiedenster Gewerke. Ebenso an der Leitung aber auch Umsetzung beteiligt werden sollen Studierende verschiedenster, vor allem lehramtsbezogener Fachrichtungen und der Geschichtswissenschaft. Den Historiker*innen und Studierenden bietet das Projekt zugleich die Möglichkeit, in der Praxis didaktische und methodische Zugänge zum Verstehen fremder Kulturen zu erproben.

Die Rekonstruktion selbst, von der anfänglichen Recherche und Planung, über die Herstellung der Werkzeuge und Materialien, bis hin zum fertigen Haus und der Dokumentation des Vorgangs soll in Form schulischer Projektarbeit realisiert werden. Hierbei sind mehrere Schulklassen oder -gruppen vorgesehen, die in einzelne Projektgruppen aufgeteilt werden sollen.

Den Schüler*innen bietet das Projekt grundsätzlich einen kompetenzorientierten und selbstgesteuerten Zugang zu einer reflektierten Beschäftigung mit historischen Lebenswirklichkeiten am Beispiel frühneuzeitlicher Alltagskultur. So sollen diese sich die für die Rekonstruktion historischer Gesellschaften nötigen methodischen, erkenntnistheoretischen und fachwissenschaftlichen Kompetenzen selbstständig ebenso aneignen, wie die für das ergebnisorientierte Projekt nötigen planerischen, handwerklichen, problemlösenden und sozialen.

Der Fokus auf der Alltagskultur erzeugt hierbei eine besondere lebensweltliche Nähe und motivationale Komponente. Für den fachlichen Unterricht ergibt sich aber nicht nur eine Steigerung der Motivation, sich mit historischen Themen auseinanderzusetzen oder Prozesse selbstgesteuerten Lernen zu erproben und zu fördern. Vielmehr werden Kompetenzen im Umgang mit historischen Quellen geschult und Erkenntnisse befördert, die so im regulären Geschichtsunterricht häufig zu kurz kommen. Es geht um das Verstehen alltäglicher Praktiken fremder Kulturen, ohne die auch das Verständnis für die s.g. „großen Zusammenhänge“ unvollständig bleiben muss. Diese erworbenen Kompetenzen in der Rekonstruktion historischer Gesellschaften dienen dann ihrerseits schließlich dazu, die eigene Gesellschaft zu dekonstruieren, sie kritisch zu hinterfragen und in ihrem Geworden-sein zu verstehen. Was an einer historischen Gesellschaft für das eigene Selbst(-verständnis) erst einmal „gefahrlos“ erlernt wird, kann so schließlich zur Selbst- und Weltreflektion und damit zur Steigerung der Selbstkompetenz genutzt werden.

Der Wert dieses Projekts liegt damit 1. in den gewonnenen Erfahrungen und Wissensbeständen, sowie den erworbenen Fertigkeiten und Kompetenzen. 2. in der aktuellen Erprobung fachdidaktischer Zugänge und der Auswertung des didaktischen Werts im Rahmen dieses Modellprojekts, 3. in den fachwissenschaftlichen Erkenntnissen und darüber hinaus schließlich 4. in dem Entstehen eines Objekts, das auch zukünftig zur Kulturellen Bildung und Geschichtsvermittlung genutzt werden kann.

Durchführung

Um dies zu realisieren, ist die Ausführung des Baus in verschiedene Phasen geteilt, die von jeder der Projektgruppen durchlaufen werden sollen.

An erster Stelle steht eine grundsätzliche Einführung in geschichtswissenschaftliche Methoden und die Frühe Neuzeit als Epoche, sowie der maritimen Alltagskultur im Rahmen kleinere Projekte. Daran schließt sich die Gruppenarbeit an, die mit der Recherche des jeweiligen Gewerkes beginnt. Dabei gilt es, die grundsätzlichen Lebenswirklichkeiten und Umstände, nicht nur handwerklich, sondern auch kulturell, herauszuarbeiten. Was bedeutet es denn „Schmied“ zu sein? Was heißt das eigentlich? Dabei werden Vorannahmen zu hinterfragen sein, um so zugleich die Wirkmächtigkeit historischer aber auch alltäglicher stereotyper Erzählungen aufzudecken und aufzubrechen. Ausgehend von der allgemeinen Analyse der Lebenswelt von in diesem Beispiel Schmieden, gilt es dann die nötigen Herstellungsprozesse, Rohstoffe und für das Projekt zu erzeugenden Baumaterialien zu recherchieren und schließlich umzusetzen. Temporäre Werkstätten sind zu errichten und die nötigen Teile herzustellen. Die einzelnen Gruppen richten sich dabei nicht nur nach speziellen Gewerken, die für den konkreten Bau notwendig sind, sondern auch nach weitergehenden Bedürfnissen.

Folgende Gruppen sind hierbei geplant:

-Schmiedegruppe zur Herstellung von Nägeln und anderer Grobschmiedearbeiten

-Köhlergruppe zur Herstellung von Teer und Pech

-Tischler-/Holzfällergruppe zur Beschaffung und Bearbeitung von Holz

-Schneidergruppe zur Herstellung historischer Arbeitskleidung inkl. Färben der Stoffe

-Dokumentationsgruppe zur Herstellung von Papier für das Logbuch des Projekts und für die multimediale Dokumentation des Projekts

-Ofengruppe zur Herstellung eines Ofens und der leiblichen Versorgung

-Baugruppe für die eigentliche Fertigung der Hütte

Langfristig soll zudem der Innenausbau vorgenommen werden, sowie das Anpflanzen entsprechender Nutzpflanzen.

Zur Hütte:

Die Ausrichtung auf eine temporäre Hütte bedeutet, dass hierfür die entsprechende Funktionalität, vor allem der Schutz vor Witterung, Nässe und Gefahren an erster Stelle steht. Gebaut wird hierfür ausschließlich mit Materialien und Werkzeugen, die sich an Bord von Schiffen finden oder mit den dort vorhandenen Mitteln herstellen lassen.

Für die konkrete Form gibt es dabei neben der Beschränkung durch die verwendeten Materialien und Werkzeuge nur wenige Vorlagen, an deren sich orientiert werden muss. Zu diesen Vorlagen zählen schriftliche Zeugnisse im Rahmen von Reiseberichten, wie auch einige wenige Bildquellen, die zumeist ebenso aus Reiseberichten stammen. Weitere Quellen sind Romane wie die in der Frühen Neuzeit beliebten Robinsonaden, die das Schiffbruchthema ebenso umfassend verarbeiten. Auch wenn bei diesen Geschichten häufig utopische Thematiken aufgegriffen werden, orientieren sich diese gerade im Bereich Seefahrt und Schiffbruch häufig an bekannten Allgemeinplätzen und Wissensbeständen, um Glaubwürdigkeit beim Leser zu erzeugen. Nicht zuletzt stehen auch hierfür häufig Berichte tatsächlich Gereister und teils Schiffbrüchiger Pate. Zu guter Letzt werden Quellen und Literatur zur Baugeschichte, vor allem auch zum Schiffszimmermannswerk verwendet, um historische Bauprozesse rekonstruieren zu können.

 

Phase I Planung und Recherche

Gerade sind wir dabei eine Liste der benötigten Materialien, der Kosten und Werkzeuge aufzustellen, sowie Form und Größe festzulegen. Nebenbei läuft die Recherche auf vollen Touren. Derzeit sammeln wir Reisebereichte und Bildquellen.

Bild aus Exquemelin, Alexandre-Olivier: De Americaensche Zee-Roovers, Amsterdam 1678. Im Hintergrund sieht man typische Blockhäuser, wie sie von den Bukkanieren in der Karibik genutzt worden sind.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Het Behouden Huys“ Quelle: Wikipedia. Diese Hütte wurde einem Bericht des mitfahrenden Gerrit de Veer zufolge als Notunterkunft zur Überwinterung im Jahr 1596 gebaut, nachdem das Schiff auf der Suche nach einem Nordostseeweg nach China und Ostindien auf Nova Sembla strandete. Die Überreste wurden im 19. Jahrhundert durch Elling Carlsen entdeckt.

Elling Carlsen 1872 zu den Überresten des „Behouden Huys“:

„Het op Nova Zembla door Willem Barents indertijd gebouwde huis ligt op 76°12′ N.B. en 68° O.L. v. Gr. De lengte van het huis is circa 16 ellen (van 2 voet), de breedte circa 10 ellen en de hoogte 4 ellen. Het onderste gedeelte was van drijfhout, dat daar in overvloed aanwezig is, gebouwd, en de vier onderste balken lagen nog zo als de tekening ze vertoont. Het bovengedeelte was uit 1½ duim dikke dennen planken aaneen gespijkerd; de planken waren 14 à 16 duim breed. Het huis was in noordoostelijke richting ingestort. De bouwmaterialen lagen gedeeltelijk in het huis, gedeeltelijk aan beide zijden daarbuiten. Het inwendige van het huis zag er geheel uit zoals de tekening weergeeft. Er bevonden zich daar vijf kooien; voor elke kooi stond een scheepskist. Aan het Z.W. einde stond een ijzeren kist. Het huis stond op de punt van een landtong en ongeveer 1½ kabellengte van het strand. Het land was vlak, de bodem steenachtig met een zeer geringe humuslaag bedekt, waarop een weinig gras groeide“

Interessant sind hierbei vor allem die Maße.