Erkenntnistheoretische, methodische und moralische Probleme der Rekonstruktion von Vergangenheit I

Zu unserem Anspruch gehört auch eine möglichst korrekte Darstellung der mit wissenschaftlichen Methoden erarbeiteten Erkenntnisse im Bereich der historischen Sachkultur und Lebenswelt. Damit einher gehen eine Menge Probleme, die man mit akribischer Auswertung der Quellen, reflektierter Methodik und Selbstkritik zu minimieren sucht. Historische Realität
und hier müsste es bereits Realitäten heißen, ist nicht nachzubilden, jeder Versuch kann nur eine Näherung sein, jedoch können bestimmte Teile fokussiert und rekonstruiert werden.
Dabei ist aber darauf zu achten, dass nicht bestimmte Kategorien und Bewertungen unreflektiert übernommen oder reproduziert werden. Rekonstruktion darf keine Reproduktion bedeuten. Vielmehr soll die Unzulässigkeit der Übertragung von Sehgewohnheiten und Kategorien thematisiert und dieser entgegengewirkt werden.
Wie sich diese Problem konkret abbildet soll exemplarisch an einem Beispielen erklärt werden.
Bei dem Beispiel handelt es sich um das Problem vermeintlich „falscher“ Individuen in bestimmten historischen Rollen.
Dabei gehen wir von Individuen aus, die aber mit oftmals naturalisierten sozio-kulturellen Kategorien überschrieben werden. Diese sollen thematisiert und durchbrochen werden. Eine Zuschreibung, bzw. Einordnung in auf Äußerlichkeiten referierende Kategorien begeht dabei mehrere Fehler. Einer der Fehler liegt in der Gleichsetzung des Inhalts der Kategorien. Selbst wenn das Merkmal und die Bezeichnung der Kategorie, sei sie nun die des Geschlechts, der Hautfarbe oder sonstwas gleich erscheint, so ist deren Inhalt historische und gegenwärtig verschieden. Der genaue Inhalt, die Bedeutung und Bewertung unterscheiden sich beträchtlich, so dass es in dieser Hinsicht Unsinn ist, einem Individuum mit einem Merkmal der modernen Kategorie auf eine Darstellung, eine Rolleneinnahme eines Individuums mit dem äußerlich deckungsgleichen Merkmal und dessen Kategorie zu beschränken. Ein weitere Fehler liegt in der unreflektierten Reproduktion kollektiver Identitäten über diese kategorialen Zuschreibungen. Diese Identitäten, die sich aus Zugehörigkeiten speisen, die über naturalisierte und sozio-kulturell konstruierte Merkmale arbeiten, sind im Sinne eines kritischen Anspruchs immer zu hinterfragen und deren Sehgewohnheiten zu irritieren.
Konkret treten solche Irritationen immer wieder im Bereich der Frauen in Männerkleidern auf, der allerdings weit komplexer ist, als es auf den ersten Blick scheint, daher soll der Abstrakte noch einmal konkretisiert werden.

Frauen in Männerkleidern

Auf den ersten Blick nicht zu unterscheiden, handelt es sich hierbei eigentlich um zwei Darstellungen, die zudem repräsentativ für weitere Möglichkeiten stehen. Grundsatz unseres Vereins ist, um dies noch einmal zu wiederholen, dass ein modernes Individuum ein historisches Individuum darstellt. Dabei sind für das moderne Individuum weder Hautfarbe, noch Geschlecht und auch körperliche Behinderungen in der Darstellungswahl einschränkend, da ein Denken und Einordnen über solche Kategorien durch uns abgelehnt wird.
Warum eine solche Einschränkung abzulehnen ist, warum dies sich nicht negativ auf die s.g. „Darstellungsqualität“ auswirkt und im Sinne der kulturellen Bildung sogar sehr förderlich sein kann, soll hier am Beispiel gechlechtlicher, ethnischer und auf Normalitätskonstruktionen basierender Kategorisierungen kurz erläutert werden.

Wenn Frauen im Haven-Volck e.V. in Männerkleidung unterwegs sind, so gibt es praktisch zwei Möglichkeiten dies zu erklären. Die erste besteht in der Darstellung des biologischen Geschlechtes und die zweite in der Darstellung des sozialen Geschlechts des Mannes. Ein dritter Fall wäre die Verkleidung von Frauen als Männer, wie dies u.a. auf Reisen zu deren Sicherheit geschehen ist, dies ist aber theoretisch zeitlich nur sehr begrenzt, bietet aber oft den Einstieg in die historische Form des weiblichen Transvestierens, also die Übernahme des sozialen Geschlechts in der Frühen Neuzeit, das ein in diesem Zeitrahmen relativ verbreitetes Phänomen zu sein scheint. Einige Frauen versuchten so ihr Los zu verbessern, eröffnete es doch die Möglichkeit zu neuen Einkommens- und sozialen Aufstiegschancen oder schlicht des Überlebens, die anders nicht gegeben wären. Das Frauen also in Männerkleidern unterwegs sind, ist hinreichend belegt und ohne Weiteres möglich. Sie bleiben in der Darstellung also bei ihrem biologischen Geschlecht, werden aber über Verkleidung, Habtius, usw., als Mann wahrgenommen, was nicht zuletzt an der Strafbarkeit solcher Handlungen liegt. In Einzelfällen, besonders in devianten Gruppen, ist aber auch offen diese Rollenübernahme möglich. Bekanntestes Beispiel bilden hier die Piratinnen Anne Bonny und Mary Read. Hier liegt also gar kein Konflikt zwischen Anspruch auf historische Korrektheit und Darstellungsformen vor.

Beim zweiten Fall stellen nun Frauen auch Männer im biologischen Sinne dar. Dies ist durch den eingangs erwähnten Grundsatz möglich. Je nachdem, wie man Living History als Vermittlungsinstanz von historischer und kultureller Bildung versteht, gibt es erneut zwei Möglichkeiten, dass zu erklären. Erstens nehmen wir an, dass es beim Living History, wie wir es verstehen, um mehr geht, als belebte Kleiderpuppen. Dafür ist es aber nötig, sich aus der modernen Sozialisation zu lösen und in die Zeit einzutauchen, sich den Gegebenheiten, vor allem den sozialen, zu unterwerfen. Dabei ist a. der Weg, den ein Mann zu einer männlichen Darstellung zurücklegen muss, nur vernachlässigbar „kürzer“, als der, den eine Frau zurücklegen muss und b. sollte es einer Frau sogar leichter fallen, da im Gegensatz zu Männern die Gefahr geringer ist, ihr modernes männliches Selbstbild in die Vergangenheit zu transportieren und so durch einen Mangel an Reflektion von Männlichkeitsbildern den modernen Habitus zu übernehmen.
Zweitens ist noch weniger problematisch, denn geht es nur darum Kleiderständer zu sein, dann ist es dabei vollkommen egal, ob eine Frau oder ein Mann in der Kleidung steckt, solang erklärt wird, welche Form der Kleidung dies ist und welche kategorialen Zuschreibungen dem Tragen zugrunde liegen und wie dieses Kleidungsstück sich im sozio-kulturellen Kontext als semantisches Zeichen lesen lässt.

Wie bereits angekündigt geht der Sachverhalt aber über die Geschlechterproblematik hinaus. Eine körperlich beeinträchtigte Person soll eine gesunde darstellen können, ebenso ist „Andersfarbigkeit“ kein Problem. Damit dies funktioniert, sind zwei Punkte entscheidend, der eine auf Seiten der Wahrnehmung, der andere auf Seiten der Expressionen dieser.
Die Ausgangsprämisse lautet wie erwähnt, dass ein Individuum ein anderes darstellt. Über den Vorteil, den das bedeuten kann, wurde ebenfalls kurz gesprochen.
Das Problem der Wahrnehmung bleibt aber häufig erst einmal bestehen und äußert sich darin, sofort in einem Individuum über Äußerlichkeiten ebenso eine Gruppe zu konstruieren.
So ist ein „Schwarzer“ eben in der Wahrnehmung allzu oft nicht einfach eine Person, sondern eben eine Person die „schwarz“ ist, woran sich sofort die Frage hängt, ob es denn einen „Schwarzen“ in dieser Rolle gegeben habe. Interessanterweise passiert dies nicht bei „Weißen“, solange sich in Regionen mit entsprechend vorwiegend ethnisch homogenen Gruppen bewegt wird. Diese Wahrnehmungsmuster, die über Äußerlichkeiten sofort wieder einordnen, sollen gebrochen werden, die Person soll als Individuum wahrgenommen werden, die anfängliche Irritation kann dabei ebenso wie bei Frauen in Männerkleidern umgangen werden, wenn dies eingangs geklärt wird.
Da wir in einer modernen, multiethnischen Welt leben, darf die Äußerlichkeit nicht als Auswahlkriterium gelten, vielmehr soll diesem Umstand auch in der Darstellung Rechnung getragen werden. Das sich andere Zeiten anders in Gruppen konstruieren soll natürlich vermittelt aber eben auch hinterfragt werden, diese Konstruktion aber in die Moderne zu importieren und erneut zu Zwecken von Inklusion und Exklusion zu nutzen, ist weder zeitgemäßg, noch moralisch zulässig.
Sofern das Individuum als solches wahrgenommen wird, in seiner Rolle ebenso als Individuum, nicht nur als Individuum mit bestimmter Ausstattung an Alltagsgegenständen und Habitus, sondern dann auch an Äußerlichkeiten, ist sowohl historische Korrektheit zu wahren, als auch der zeitgemäße Anspruch Äußerlichkeiten, Hautfarbe und Behinderung nicht als Auswahlkriterium benutzen zu dürfen. Eine solche Wahrnehmung zu fördern liegt uns somit sehr am Herzen, denn sie ist es letztlich, die die Irritation hervorruft.

Das Problem der Expressionen ist nun einfacher zu lösen. Wird erst einmal nicht die reale Hautfarbe, Behinderung, usw. in der Darstellung wahrgenommen, so kann der neuen Wahrnehmung durch die entsprechenden performativen Praktiken und Affekte Ausdruck verliehen werden.
Ein Rollstuhl ist in der Rolle dann nicht mehr wahrgenommen und kein Gegenstand, auf den sich Reaktionen beziehen. Der „Schwarze“ wird in seiner Rolle ebenso zum „Weißen“, wie dies selbstverständlich auch umgekehrt und in Bezug auf das Geschlecht gilt.
Die Behandlung gleicht sich nur der Wahrnehmung an.

Dazu ist abschließend noch zu bemerken, dass natürlich dadurch kein Freifahrtsschein ausgestellt werden soll.
Brillenträger sind beispielsweise weiterhin angehalten, ihre moderne Version durch eine historische zu ersetzen und Haar- und Barttracht anzupassen ist grundsätzlich auch wünschenswert, allerdings auch nur, wenn moderne Sehgewohnheiten auch im Rahmen der Darstellung thematisiert werden und ein Fokus darauf sinnvoll erscheint (so wandelt sich ja auch die Wahrnehmung und Bedeutung eines Bartes, die nicht dadurch thematisiert wird, dass ein historisch korrekter Bart getragen wird).
Wo derartiges aber nicht möglich ist, darf die Äußerlichkeit sich nicht diskriminierend auswirken. Nur weil eine Person aus einem bestimmten Kulturkreis kommt, soll diese nicht gezwungen sein, sich nur mit diesem identifizieren zu dürfen, nur diesen zu erfahren und vermitteln zu können.

Dies soll zugleich ein integrativer Beitrag sein. Es besteht schlicht weder die Notwendigkeit, noch die Rechtfertigung, beispielsweise einer arabisch stämmigen Person, die in Mitteleuropa geboren und aufgewachsen ist, sich kulturell hier verwurzelt sieht (bei aller Reflektion des grundsätzlichem Umstands einer solchen Identitätsbildung bei allen Personen) und aus diesem Grund eine Darstellung mitteleuropäischer Lebenswelten bevorzugt, ihm dies mit Verweis auf seine vermeintlich ursprüngliche kulturelle Herkunft zu verweigern. Der Blick kann und muss sich von der Äußerlichkeit und Fremdzuschreibung in entsprechenden Kategorien lösen.
Nicht zuletzt müsste andernfalls eine solche Vorauswahl konsequent erweitert werden und sich auch auf Übergewichtige, zu große und zu kleine, usw. erstrecken, denn auch dies sind graduelle Unterschiede und auch sie können ohne Aufklärung und Kontextualisierung, ohne Erklärung ihrer je historischen Bedeutung das Bild verzerren.

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