Erkenntnistheoretische, methodische und moralische Probleme der Rekonstruktion von Vergangenheit II

Vegetarismus/ Veganismus und historische Korrektheit

Wer den Haven-Volck e.V. einmal bei Veranstaltungen besucht hat oder bei einem unserer Projekte dabei war, in denen es auch um Nahrung und Essen geht, wird gemerkt haben, dass wir in aller Regel vegetarisch bis vegan kochen. Dabei stellt sich wohl jedem erst einmal intuitiv die Frage, wie dies mit unserem Anspruch historische Lebenswirklichkeiten zu rekonstruieren vereinbar sei. Dieser Frage soll sich hier einmal ausführlicher gewidmet werden.

Zu Beginn ist aber noch einmal anzumerken, dass die Rekonstruktion historischer Lebenswirklichkeiten bzw. Lebenswelten bei uns instrumental verstanden wird, es geht also nicht um einen Selbstzweck dessen, sondern diese Rekonstruktion soll die Mittel bereitstellen, die eigene Lebenswirklichkeit zu dekonstruieren und letztlich wieder neu zu konstruieren, in einem beständigen Prozess, der zu kritischem Denken führen soll und dieses nutzt und befördert. Dabei ist die Thematisierung des Essens als sozio-kulturelle Instanz ein wichtiger Teil, erscheint doch selten in Gebieten des Lebens etwas so trivial und ist doch so sehr durch Sozialisation und Kultur anerzogen und als scheinbar triviale Handlung derart politisch und moralisch verflochten. Allerdings soll darauf hier nicht eingegangen werden, sondern der Fokus auf die Vereinbarkeit historischer Darstellung mit, um den übergeordneten Themenkomplex anzusprechen, vermeintlich modernen ethischen Grundsätzen.

Um dies nun zu klären soll von zwei Grundprämissen ausgegangen werden. Beide stellen dabei eine scheinbar intuitive und nicht extra auszusprechende „Wahrheit“ dar, die jedoch in der Regel nicht thematisiert oder reflektiert werden.

1. Für die historisch korrekte Darstellung und deren Vermittlung sind Produkte von und aus Tieren erst einmal intuitiv notwendig.

2. Zur historischen Korrektheit gehört nicht die Reproduktion von (moralischen) Verbrechen oder die Aufgabe moralischer Überzeugungen. Eine korrekte Darstellung soll zwar historische Lebenswelten rekonstruieren, muss aber mindestens zeitgenössisch moralischen Anforderungen (wie auch rechtlichen) Rechnung tragen können. Darstellung von (moralischen) Verbrechen, auch zu deren Diskussion ja, Reproduktion dieser, nein. Dabei ist natürlich immer beides zu hinterfragen, die historische, wie auch die zeitgenössische Moral. Wobei gerade der letzte Satz nicht genug gewürdigt werden kann, jedoch in der Regel kaum wird.

Ausgehend von diesen beiden Prämissen ist der Fall also auf den zweiten Blick komplizierter, zumal er nicht auf die Frage nach der Ernährung mit tierischen Produkten beschränkt werden kann, sondern generelle Fragen aufwirft. Die Lösung für den konkreten Fall ist nun für uns in mehreren Schritten möglich. Vorab ist es aber ebenso möglich, auch historisch korrekt den Vegetarismus und Veganismus zu leben, denn religiöser, gesundheitlicher und vor allem auch ethischer Vegetarismus und Veganismus sind alte Phänomene, die zwar seit den 1970er Jahren einen quantitativen und qualitativen Sprung gemacht haben (vom vornehmlichen Intellektuellendiskurs und Minderheitenphänomen hinein in die Lebenswelt vieler Personen), aber bereits nachweislich seit der Antike existieren.

Allerdings existiert der Begriff „Vegetarismus“ erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts und der Begriff „Veganismus“ seit Mitte des 20. Jahrhunderts. Jedoch waren tierische Produkte, allen voran Fleisch im heutigen Sinne (also Muskelfleisch von großen Tieren wie Rind oder Schwein), für viele Bevölkerungsgruppen durch die Geschichte häufig weit schwieriger erhältlich. Die Ernährungsbasis bestand häufig aus pflanzlichen Nahrungsmitteln, die vor allem durch tierische Produkte wie Eier und Milch und vor allem fettreiche Teile und Innereien ergänzt wurden. Allerdings handelt es sich dabei um ein den Lebensumständen geschuldetes Phänomen, dass eher einen inkonsequenten, gezwungenen flexiblen Vegetarismus darstellt. Vegetarismus als wirkliche Entscheidung datiert in der westlichen Welt, auf die hier fokussiert wird, zurück in die Antike und in das antike Griechenland, ist dort allerdings keine ethische Entscheidung im heutigen Sinne. Diese Form soll uns hier aber nicht weiter interessieren. Wichtiger für unsere Betrachtung ist die Entwicklung in der Frühen Neuzeit. Dank der Wiederentdeckung vieler antiker Schriften, sowie neuer Denkrichtungen im Zuge des sog. „Humanismus“ und der „Aufklärung“, kam es zu einem Anstieg der Beschäftigung mit dem Thema Vegetarismus und Tierrechten. Das wahrscheinlich erste vegetarische Kochbuch erschien übrigens 1691. Die Gründe für den Vegetarismus bestanden in den meisten Koch- und Arzneibüchern jedoch im Erhalt der Gesundheit wie im folgenden Beispiel:

„Es ist die menschliche Natur in diesen Europäischen Ländern dermassen an das Fleischessen gewohnet / daß sich mancher schwerlich einen Tag davon enthalten kan / es nehret auch unter allen Speisen am allerbesten / gibt aber ein solches Nutriment, welches leichtlich der Corruption unterworfen ist / wie denn jedwedes frisches Fleisch […] alsbald faul und madig wird / woraus denn abzunehmen / daß es eben ein so leicht verderbliches Nutriment, wie es selbsten ist / dem Menschen mittheilen müsse / und also ist kein Wunder / daß fast niemand bey so faulhafftigem Nutriment sein Leben auf hundert Jahr brinden kan / und dargegen die Menschen vor der Sündflut / da entweder das Fleisch gar nicht / oder doch sehr wenig geessen worden / so viel hundert Jahr gelebt / und so man sich auch noch itzo wo nicht gänzlich / jedoch so weit abgewehnete / daß man es selten / und dessen wenig ässe / würde mancher zwar keinen so fetten Wanst wie itzo haben / aber dargegen auch weniger Kranckheiten und viehische Laster fähig seyn / wie itzo bey dem häuffigen geilen Fleischessen geschicht / wie wir auch an andern Thieren und Geschöpffen / die von einem mageren Nutriment leben / klärlich beobachten können / denn ein einige magerer Hirsch kan wol zwantzig feiste Küh ein nach der andern überleben / ein feistloser Eichbaum wird unterschiedliche feiste Obstbäume / so nacheinander gepflantzt würden / überdauren / denn die geile Feistigkeit macht nicht allein den Menschen in ihren innerlichen Nahrungsgängen endlich verstopfte Zukleisterungen / und eine darazs erfolgende allmehlige Verwelckung / sondern auch den Bäumen / in ihren Wurtzeln und Rinden […].“ (Johannes Hiskias Cardilucius: Neue Stadt- und Land-Apothek, Franckfurt u.a. 1670, S. 1091f.)

Allerdings gesellten sich im Rückgriff auf antike Ideen und neue Moralphilosophien auch tierethische Gedanken zu den Begründungen und wurden zunehmend diskutiert.

Damit wäre eine grundsätzliche Darstellung möglich, jedoch bedeutet dies auch, dass eine solche Darstellung eine Beschränkung auf bestimmte Gruppen (Intellektuelle, Personen höheren Stands, religiöse Minderheiten) beschränkt bleiben müsse, zumindest so lange eine vegetarisch lebende historische Person dargestellt wird. Damit hätten wir die zweite Prämisse prinzipiell umgangen, da hier keine „unzeitgemäßen“ Moralvorstellungen für diese Frage hinzugezogen worden sind.

Wie sieht es aber mit einer allgemeineren Darstellung aus?

Der Frage soll beispielhaft anhand der Rekonstruktion einer Mahlzeit nachgegangen werden.

Zwei Annahmen bilden den Ausgang. Zum einen wird davon ausgegangen, dass im Bereich der Darstellung und Vermittlung von Geschichte auf größtmögliche Authentizität Wert gelegt wird. Zum anderen gilt es als grundsätzliche Einsicht der Geschichtswissenschaft festzuhalten, dass die Rekonstruktion historischer „Realität“ nicht möglich ist. Warum ist dies aber nun so? Hier soll nicht auf die typischen Probleme bei der Quellenauswahl, Analyse, usw. eingegangen werden. Dies ist zum großen Teil in dem Begriff „Quellenkritik“ eingefasst und in jeder wissenschaftlichen Arbeitsweise existent. Der Fall soll dahingehend vereinfacht werden, dass von einer idealen Quellensituation ausgegangen werden soll. Ein bereits sehr großes Zugeständnis also.
Als nächstes erscheint eine wichtige Unterteilung innerhalb der von Living History und Angewandter Geschichte sinnvoll. Zum einen in den Bereich der Darstellung und der Rekonstruktion, zum anderen in den Bereich des Erfahrens und Erlebens. Dies wird später noch wichtig sein.

Die Frage soll nun anhand des Themas des Essens betrachtet werden, da es auch diese ist, die scheinbar den Kern ausmacht.

Zunächst scheint es nun intuitiv einfach zu sein, beispielsweise ein bestimmtes Gericht nachzukochen. Nehmen wir an, es kommt Milch in dem Rezept vor. Diese könnte nun, wie es von vielen, auch Darstellern getan wird, im Supermarkt gekauft werden. Dies einfach intuitiv zu tun ist allerdings weder wissenschaftlich noch historisch korrekt. Es muss sichergestellt werden, dass mit dem Begriff „Milch“ in unserem Fall der Frühen Neuzeit, das Gleiche bezeichnet wird, wie mit dem modernen Begriff „Milch“. Das klingt im ersten Moment trivial, ist es aber bei genauerem Hinsehen nicht. Das erste Problem ist nämlich, dass die Milch im Supermarkt mit der eigentlichen Kuhmilch kaum noch etwas zu tun hat. Wir haben es also gleich anfangs erst einmal mit dem Postulat der historischen Korrektheit zu tun, das Probleme bereitet, noch bevor die Moral ins Spiel kommt. Die Verarbeitung der Milch verfremdet nun das Ergebnis beträchtlich, was sich sowohl im Geschmack als auch in anderen Eigenschaften zeigt. Ein jeder, der schon einmal Kuhmilch getrunken hat, wird dies bestätigen können. Supermarktmilch zu nehmen, Sojamilch als vegane Alternative aber abzulehnen mit dem Verweis auf mangelnde historische Korrektheit, funktioniert also nicht. Begeben wir uns also zum Bauern und holen uns Milch von der Kuh. Hier treffen wir auf das nächste Problem. Die Kuh bei dem Bauern ist, je nach Darstellungzeit mehrere Jahrunderte lang, u.a. durch Züchtung so verändert worden, dass sie mit der Kuh aus der Frühen Neuzeit nicht mehr viel gemein hat. Um eine weiteres Beispiel einzufügen: das historische Hausschwein ist dem Wildschwein um vieles näher als dem modernen Hausschwein. Zurück zur Kuh. Natürlich muss darauf hingewiesen werden, dass die Produktion in industriellen Fertigungsanlagen nicht in Frage kommt, wir also mindestens einen Bio-Bauern benötigen, da durch die industrielle Produktion ebenso viel verändert wird. Der Punkt sollte bereits bei der Supermarktmilch deutlich geworden sein, ist aber nicht genug zu betonen. Wir haben also nun beim Bio-Bauern die richtige Verarbeitungsweise (in der Tat ist aber auch dies nicht der Fall), aber nicht die richtige Kuh. Nun nehmen wir an wir hätten zurückgezüchtete Arten. Hier lässt man sich schnell hinreißen sie als historisch korrekt zu bezeichnen, vergisst dabei aber, dass die Rückzüchtung nicht einfach linear auf der selben Gerade der Zeit und Entwicklung zurückgeht, da dies genetisch nicht eindeutig machbar ist, sondern sich in einem mehr oder weniger großen Winkel in Zeit und Entwicklung zurück bewegt. Die Hoffnung ist nun, dass der Endpunkt der Rückzüchtung näher am historischen Punkt liegt als am Ausgangspunkt. Aber nehmen wir einmal an, es könnte nahezu gelingen. Nun haben wir das richtige Tier und das richtig verarbeitete Produkt. Allerdings macht uns jetzt die Moral einen Strich durch die Rechnung und wir kommen zum Kern unseres Themas. Die Frage, die grundsätzluch zu stellen ist, ob Moral zu Ungunsten von historischer Korrektheit angeführt werden kann. Gehen wir dazu kurz auf ein Kleidungsstück ein. Schnürbrüste bzw. Korsetts wurden vornehmlich mit den Knochen von Walen verstärkt. Diese jedoch zu verwenden ist moralisch mittlerweile anerkannt verwerflich und dies aus dezidiert moralischen Gründen. Natürlich sprechen auch Gesetze dagegen. Aber diese als treibende Kraft anzuführen hilft nur relativ, sind Gesetze doch regional verschieden. Gesetze haben zudem moralisch wenig Bedeutung. Allein diese als Begründung zu nehmen bedeutet etwas immer zu rechtfertigen, wenn es kein Gesetz dagegen gibt. Damit wären eine Menge an schrecklichen Taten in der Geschichte legitim und man würde in einem heillosen Relativismus enden. Damit wäre es anderswo auch für uns legitim Tiere zu quälen, Sklaven zu halten, Frauen zu prügeln, Kinder zu schänden. All diese Handlungen lehnen wir nicht aufgrund von Gesetzen ab. Auch die Menschenrechte sind eben keine rechtlichen Gesetze. Aber schenken wir auch das. Nehmen wir also auch an, es gäbe keine Gesetze dagegen. Ein weiterer wichtiger Punkt sowohl in Darstellung wie auch Erfahrung wäre der Umgang mit Gewalt in der Geschichte. Einen Knecht in der Darstellung zu prügeln würde wohl kaum jemandem einfallen und dies, weil es moralisch verwerflich ist, jemandem nur dieser Erkenntnis wegen Leid zuzufügen. In einem solchen Fall reicht es in der Darstellung darauf hinzuweisen und evtl. eine abgemilderte Darstellung abzuliefern (die jedoch immer kontextualisiert und erklärt werden sollte!).
Wir gestehen also ein, dass konform mit der Alltagserfahrung legitim ist, zu Ungunsten der historischen Korrektheit Moral ins Feld zu führen. Nun bleibt noch die Frage, ob ethische Überlegungen verbieten, Tierprodukte für die Nahrung zu verarbeiten. Als erstes möchte ich zwei Anmerkungen machen.

Der erste Punkt zur Beantwortung, den ich anführen möchte ist, dass es für die Darstellung und Rekonstruktion zulässig ist, Zutaten mit ausreichend ähnlichen Eigenschaften zu verwenden, denn es geht um diese. Es ist für die Rekonstruktion völlig unerheblich, ob ich Sojamilch oder Kuhmilch benutze, solang sie in den Eigenschaften, die in dem Fall relevant sind, ausreichend ähnlich sind. Für die Erfahrung gilt dies ebenso. Der Geschmack als solches ist, wie gezeigt wurde, nicht rekonstruierbar, allenfalls näherungsweise. Allerdings wird dieses Problem dadurch verstärkt, dass auch die Erfahrung des Geschmacks nicht rekonstruiert werden kann. Moderne, westliche Geschmacksnerven sind völlig anders kultiviert und sozialisiert, so dass die Erfahrung letztlich eine rein moderne ist, ja sein muss.

Ein weiterer, sehr wichtiger Punkt ist nun noch folgender: Das Essen als sozio-kulturelles Phänomen ist das Entscheidende, dahinter tritt das, was gegessen wird in seiner Bedeutung zurück. Vielmehr ist dessen Symbolik entscheidend, sowie die Bedeutung des Vorgangs des Essens an sich, die Kultur des Essens, wie es begangen wird, welche gesellschaftlichen Funktionen es ausübt, usw. Was gegessen wird, ist abseits der Erklärung von Symbolik und der Lebensumstände austauschbar, was daraus gemacht wird, was das Essen bedeutet, jedoch nicht und dies gilt es zu entschlüsseln, darzustellen und mit dem Blick auf das kritische Überdenken der eigenen Lebenswelt zu vermitteln.

Alles zusammen genommen macht es nun möglich, trotz divergierender historischer und moderner Moralvorstellungen dieses Hobby zu betreiben. Dass Vegetarier und Veganer im Gegensatz zu anderen in dem Fall die Grenzen der Moral erweitern, kann nicht zu ihren Ungunsten ausgelegt werden. Sowohl das Bestreben nach historischer Korrektheit, als auch mit historischen Moralvorstellungen nicht konform gehende eigene, sind theoretisch vereinbar. Dabei stellt auch der Veganismus nur eine graduelle Erweiterung zu anderen modernen Moralvorstellungen dar, die ebenfalls alle den historischen Moralvorstellungen des Alltags zuwiderlaufen. Ich erspare es mir hier allerdings, wie vielleicht erwartet wird, den Veganismus ausführlich zu begründen. Dafür gibt es ausreichend, ausgesprochen gute Literatur. Wichtig ist nur, dass kein Grund gefunden werden konnte, den Veganismus nicht in eine historische Darstellung zu integrieren. Neben diesen vor allem „negativen“ Gründen, im Sinne dessen, dass kein Grund dagegen zu finden ist, gibt es jedoch noch mindestens einen positiven, der besonders unserem Ansatz wichtig ist. Mit Hilfe der anfänglichen Irritation im Essverhalten, die der Betrachter wahrnimmt, kann das Thema des Essens als sozio-kulturellem Phänomen, wie auch der moralischen Implikationen gut aufgegriffen und aufgearbeitet werden, weitaus besser, als wenn eine solche Irritation nicht auftritt und das Thema somit in seiner scheinbaren Trivialität verharrt. Nur wenn solche scheinbaren Trivialitäten des alltäglichen Lebens angesprochen und kritisch hinterfragt werden, kann schließlich ein Beitrag zu kritischem Denken, zu Bildung und zu Mündigkeit geleistet werden.

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