Geschichtliches

In diesem Bereich werden wir unsere Darstellung und unseren Fokus, sowie die dazugehörigen Hintergrundinfos nach und nach präsentieren.

Drei Bereiche sind dabei wichtig:

  1. die Epoche
  2. der Raum
  3. das soziale und kulturelle Milieu

Kurzzusammenfassung:

Anders als in der Vermittlung und der grundsätzlichen Beschäftigung, in der wir uns auf die gesamte Frühe Neuzeit inkl. der Sattelzeiten (also Übergangszeiten) beziehen, also 1450 bis 1850, sind wir in der Darstellung, die auch als Schablone für die gesamte FN dienen kann, auf einen engeren Zeitraum festgelegt. Ein Zeitraum von maximal 20 Jahren sollten hier nicht überschritten werden, ebenso sollte eine räumliche Einschränkung vorgenommen werden. Dies ergibt sich schlicht aus dem Umstand, nicht die Weltgeschichte sowohl räumlich als auch zeitlich darstellen zu können. Will man ein halbwegs korrekten Ausschnitt erhalten, so ist man also zur sinnvollen Einschränkung gewzungen.

Zeitlich bewegt sich der Haven-Volck e.V. in den 1670er und 1680er Jahren.
Bei der räumlichen Verortung sind wir allerdings weniger stark gebunden. Wir orientieren uns zwar am hamburgischen und holländischen Küstenraum, jedoch versuchen wir uns grundsätzlich mit der Darstellung hafenstädtischer Lebenswelten des Nordseeraums zu beschäftigen. Aufgrund deren struktureller und kultureller Ähnlichkeit ist dies hierbei kein Problem.

1. Die Epoche

Unsere Forschung und Darstellung beschäftigt sich zeitlich mit der s.g. „Frühen Neuzeit“. Damit wird allgemein die Epoche bezeichnet, die vom Mittelalter und der Moderne eingerahmt wird, in Jahreszahlen sind das die Jahre um 1500 bis um 1800.
Da jedoch jede Periodisierung, also der Versuch der Einteilung einer fließenden Entwicklung, problematisch ist, wollen wir, nicht zuletzt um den fließenden Übergang aufzugreifen, die Frühe Neuzeit in unserem Verständnis um die s.g. Sattelzeiten (Begriff nach Koselleck) erweitern, so dass sich der zeitliche Rahmen fließend auf die Jahre 1450-1850 erweitert.

Die Frühe Neuzeit als Epoche wird ergibt sich auch den Wandlungsprozessen, die sich and ihren Rändern abspielen, sowie aus den in ihrem Rahmen stattfindenden s.g. „Fundamentalprozessen“.

Zu den Anfangsbedingungen und Prozessen der europäischen Frühen Neuzeit (die jedoch als solche grundsätzlich zu hinterfragen sind) gehören:

  • die geographischen Entdeckung aus europäischer Perspektive mit dem Einsetzen einer Welle der Globalisierung
  • die „Reformation“ und das Einsetzen der „Konfessionalisierung“, die eine Welle der Durchdringung der Gesellschaft durch die chrsitliche Religion beschzreiben soll, wie sie das Mittelalter vorher nicht kannte
  • das Einsetzen eines vermeintlichen „Staatsbildungsprozesses“, also einer Verdichtung und Professionalisierung von Herrschaft
  • die s.g. Sozialdiszplinierung, die im engen Zusammenhang mit der Konfessionalisierung und dem Staatsbildungsprozess stehe und eine Welle der Verinnerlichung neuer Ordnungsprinzipien nahezu der gesamten Gesellschaft bedeutet (wichtig hierbei ist, dass damit keine einseitige Durchsetzung von „oben“ nach „unten“ gemeint sein sollte)
  • eine Medienrevolution durch den Buchdruck

Ihren Auslauf findet die Frühe Neuzeit u.a. in folgenden Prozessen:

  • die europäischen „Aufklärung“ (die hinsichtlich ihrer Reichweite und der immer noch nahezu ausschließlich positiven Deutung zu hinterfragen ist)
  • die industrielle und politische Doppelrevolution, also das Einsetzen der Industrialisierung mit ihrer tiefgreifenden Umwälzung des alltäglichen Lebens, sowie
    den politischen Umbrüchen (Franz. Rev., Amerianische Rev., Rev. von 1848/49)
  • der Zusammenbruch des Alten Reichs und der Ständeordnung

All diese Prozesse sind kritisch zu hinterfragen.
Für eine generelle Einführung in die Frühe Neuzeit empfehlen wir ausdrücklich jene der Uni Münster unter folgender Adresse:

http://www.uni-muenster.de/FNZ-Online/

2. Der Raum

„eine befestigte Stadt voller Leben und Bewegung; oder besser: es ist ein kleiner Archipel, eine Welt im Kleinen“ (Melville üder den Hafen in seinem Werk „Redburn“)

Der Hafen in der Frühen Neuzeit ist nicht nur ein interessanter Rechts- und bedeutender Wirtschaftsraum, sondern zeichnet sich auch als spezifischer Sozialraum aus, der zudem stark kulturell überformt ist.
Wenn jede Zeit, wie Gertrud Lehnert schreibt, ihre spezifischen Räume hat, die sie ausmacht, dann ist für die Frühe Neuzeit der Hafen ein solcher.

So sehen die Zeitgenossen in diesem Gebilde auch mehr als den Rechtsraum mit dem ihm eigenen Regeln, den Zollbestimmungen, usw. Der Hafen in der Frühen Neuzeit ist ein hoch imaginativer, assoziativer Raum.

Diese Vorstellung vom Hafen kann als sozio-kulturelles Konstrukt, also als ein sozial geteiltes, aus Erlebtem und Erlerntem bestehendes und mit bestimmten Regeln der Deutung und Handlung versehenes räumliches Gebilde betrachtet werden.

Dabei gibt es maßgeblich drei Wahrnehmungs- und Bedeutungskategorien, in denen der Hafen durch die Zeitgenossen erfahren und gedacht wird. Dabei ist jeder der Kategorien durch je eigene Elemente, eigene Emotionen und Assoziationen bestimmt, die dem Gesamtbild zugrunde liegen und auf die die Wahrnehmung sich fokussiert.

Dabei handelt es sich in der hier vorgestellten Form um die Wahrnehmung und die Vorstellung vom Hafen wie sie sich diejenigen Zeitgenossen machen, die nicht beruflich zur See fahren, also eher Reisenden. Bei diesen handelt es sich zudem eher um Mitglieder der bürgerlichen Schicht. Ein anderes Verhältnis zum Hafen oder die Zugehörigkeit zu einem anderen Milieu, einer anderen Schicht verändern zugleich den Blick auf den Hafen.

(Der Hafenkran in Frankfurt am Main. Friedrich Wilhelm Hirt: Das Mainufer am Fahrtor Friedrich, 1757, Historisches Museum, Inv.-Nr. B 1528 © Bildarchiv Foto Marburg)

Der sichere Hafen

Der „sichere“ Hafen ist vor allem als Grenzbereich gedacht, als Übergangsraum, der nicht mehr dem Meer und seinem Schrecken zugehörig ist aber auch noch nicht ganz dem Land. Vielmehr kündigt er dieses an und verheißt damit Sicherheit, die von Elementen wie dem Leuchtturm, seinem Licht oder auch akustischen Signalen angezeigt wird. Der sich ergebende Raum ist hier materiell kaum mehr als der Hafen in seiner ursprünglichen Funktion, die Hafenbucht, die sich allenfalls noch bis zum Anker- oder Anlegeplatz ausweitet. Zu den zentralen Elementen gehören neben der bereits erwähnten Hafenbucht, Anlegestelle oder dem Dock (je nachdem, um was für eine Hafenkonstruktion es sich handelt), den akustischen und visuellen Zeichen unbedingt das Meer als Gegensatz.
Besonders dieser Gegensatz führt zur Befrachtung mit Sicherheit und in diesem Sinne mit Sicherheit vor der Natur. Die durch diesen Hafen erzeugte Atmosphäre, sowie die sich ergebenden Gefühle und Handlungen werden nicht nur hervorgerufen, sondern gehören damit ebenfalls zum räumlichen Ensemble des „sicheren Hafen“, zur Vorstellung des Hafens als sicherem Ort. Erleichtertes Tanzen und ausgiebige Freude, die bei Ankunft häufig beschrieben wird, zeigen diesen ebenfalls an. Wichtig ist dabei die Deutung der Natur, des Menschen in ihr und die Erfahrung und Aufladung des Meeres mit verschiedenen Vorstellungen. Ohne genau dieses Meer als Gegensatz kann sich die Bedeutung nicht aufbauen.
Die Vorstellung vom sicheren Ort, wie sie immer wieder aktiviert wird, muss dabei nicht mit der Realität übereinstimmen. Gerade im Hafen kommt es zuweilen zu beträchtlichen Unglücken. Die Schiffe liegen eng aneinander, bricht ein Feuer aus, so kann sich dieses schnell ausbreiten. Auch wenn sich bei Sturm oder Flut die Schiffe losreißen, kommt es nicht selten zu Unglücken. Die zum Teil starke Bewaffnung der Schiffe und das für die Kanonen erforderliche Schießpulver tun ihr Übriges. Trotz solcher Beschreibungen überwiegt aber vor allem in Bezug auf ankommende Reisende der Hafen als sicherer Ort.
Unglücksfälle gab es überall und die Erleichterung der vielen Reisenden, die ungleich gefahrvollere Seereise überstanden zu haben wiegt dabei stärker und aus dem akuten Erleben der Furcht, sei sie „real“ oder „eingebildet“ wirkt nachhaltiger auf das Bild des Hafens.
Aufgrund der großen Verbreitung und intersubjektiven Akzeptanz dessen kann der Hafen als (sprachliches) Zeichen, als Symbol und Metapher für Sicherheit etabliert werden. Der Hafen als sicherer Ort, als Grenz- und Übergangsraum, der bis zum Sinnbild für Sicherheit kulminiert tradiert sich schließlich im Zusammenhang mit dem Topos der Lebensfahrt bis in auch heute noch gebräuchliche Sprichwörter und Redewendungen von der Ehe als sicherem Hafen, usw.

Der schöne Hafen

Eine weitere Wahrnehmung und Vorstellung vom Hafen ist jene, die sich auf seine „Schönheit“ richtet.
In dieser Form wandelt er sich vom Übergangs-, bzw. Grenzbereich hin zum „eigenständigen“ Raum, der betreten, erlebt und der ab dem 18. Jahrhundert in den Quellen immer als Ort des Lustwandelns inszeniert wird und damit auch der Selbstinszenierung sozialer Oberschichten dient.
Gleichzeitig wird damit zu einem Ort, an dem positive Emotionen geweckt und erlebt werden können und sollen. Der schöne Hafen ist räumlich und örtlich mehr als die Hafenbucht, er schließt einen bestimmten Teil des Hafenviertels, der maritimen Bereiche einer Stadt, ein. Um die Schönheit zu erfahren, wird ein ganz bestimmter Weg und damit ein ganz bestimmter Bereich des Hafens gewählt. Vereinfacht ausgedrückt ist der „schöne Hafen“ der Handelshafen. Er wird also vor allem als „wirtschaftlicher“ Raum wahrgenommen. Dies zeigt sich vor allem daran, dass der Hafen in dieser Form auf seine Wirtschaftlichkeit hin überprüft wird. Er muss den Handel garantieren, er muss funktionieren.
Dieser Hafen spannt sich anhand bestimmter Elemente auf: Hafenbucht, Anlegestelle, Uferdämme. Hinzu kommen besonders in Qualität und Quantität wichtige Elemente wie die Schiffe und Waren. Beides muss in fast überfordernder Größe wahrgenommen werden, die für die Zeitgenossen eine Außergewöhnlichkeit garantiert, um die entsprechenden Assoziationen zu aktivieren. Zu diesem Ensemble können sich tiefer in der Stadt liegenden Elemente gesellen, die zum mit dem Handel in direkte Verbindung und Sinnzusammenhang gebrachten Hafenviertel gehören, wovon allen voran die Börse zu nennen ist.
Ebenso sind in dieser Vorstellung die „Fremden“ wichtig, die die Internationalität bedeuten und damit den Handel erst zum Welthandel werden lassen.
Auch dürfen Akustik und Handlungen als raumkonstituierende Elemente nicht unterschätzt werden: das Sprachgewirr, Begrüßunszeremoniell der Schiffe und des Hafens, sowie das geschäftliche Treiben und allem voran das Be- und Entladen der Schiffe, das die Waren erst sichtbar macht. Auch diese Elemente sind über den Sinnzusammenhang des Kerns der Vorstellung des „schönen Hafens“ mit diesem verbunden. Im „schönen Hafen“ mit seinen Elementen sehen die Zeitgenossen vor allem ein vermeintliches Ideal von Wirtschaftskraft, dass sich im großen Reichtum spiegelt, der selbstredend auch im Hafenraum durch die Hafenstadt, wie auch die Handelskompagnien räumlich, bzw. baulich inszeniert wird und bereits im 17. Jahrhundert eine der zentralen Vorstellungen ist.
Zusammen mit diesem und der Vorstellung von Sicherheit und militärischer Macht, die ebenfalls Teil dieses Hafens ist, kann er sich in dieser Form zum Repräsentationsobjekt sowohl des Bürgertums, als auch der Obrigkeit entwickeln.

Der „schöne Hafen“ ist in dieser Vorstellung aber auch darüber hinaus mit als positiv wahrgenommenen Formen von Fremdheit und Exotik angefüllt.
Er ist nicht nur Reichtum, sondern auch Abenteuer, Sehnsucht und Faszination am exotischen Fremden, wie sie sich auch in den Naturalienkabinetten spiegelt, deren Befüller in nicht unerheblichem Maße Seeleute sind, denen diverse Mitbringsel abgekauft werden.
Er ist der „Markt und Kram der Welt“ genauso wie „die Welt im Kleinen“. Er zeichnet sich durch eine den meisten Zeitgenossen ungeahnte Belebtheit aus und vermittelt diesen einen Eindruck von der „Schönheit“ und dem Umfang der Welt. Er ist damit untrennbar mit anderen, imaginären Räumen verbunden und prägt diese zugleich. Er fördert Erwartungen an die oftmals nur imaginär erfahrenen Räume, stillt diese Erwartungen aber ebenso. Der Hafen ist ein hochgradig imaginärer Raum, sowohl im hier eng gemeinten, als auch weiten Sinne. Letztendlich kann der Hafen mit seiner Vielfalt auch zum Symbol für zeitgenössische Vorstellungen friedlichen Miteinanders werden.

Dabei ist für all das was in der bisherigen Vorstellung im Hafen gesehen wird nicht zuletzt ein lückenhaftes und idealisiertes Bild des Handels und der Seefahrt Grundvoraussetzung. In diesem Bild werden negative Aspekte, sowohl die Betreibenden betreffend, als auch die Abläufe, Kehrseiten und Verlierer systematisch ausgeblendet. So werden in den Beschreibungen und Darstellungen nicht zuletzt auch die alltäglichen Konflikte (nicht zuletzt auch solche, die sich aus dem interkulturellen Schmelztiegel Hafen ergeben), die ein solches Miteinander mit sich bringt, ausgeblendet.
Die für das jeweilige Bild nötigen Verkürzungen und die eingeschränkte Perspektive auf den Hafen sind dabei jedem Typus zu eigen. Dieses Ausblenden und Verdichten stellt eine Fiktionalisierung und Verklärung des realen Ortes dar und lässt somit einen auf die zugesprochene Bedeutung idealen Raum erschaffen, der sich die markanten Elemente schafft, die er benötigt. Dabei findet diese Verdichtung und Fokussierung ihren Ursprung bereits in der selektiven Wahrnehmung, die sich aus dem aktivierten Schema ergibt und auch dazu führt, nur bestimmte Bedeutungsinhalte der einzelnen Elemente, bzw. nur bestimmte Elemente in den Blick zu rücken. Besonders beispielhaft zeigt sich dies in der Wahrnehmung der Schiffe. Diese stehen in der Vorstellung als Symbole des Reichtums, als „Embleme des Friedens und des Handels“, wie auch in diesem Bild als Symbol für die Beherrschung der Elemente und damit die Macht des Menschen über das Meer, dass ebenfalls eine kulturell inszenierte und tradierte Vorstellung der Zeit darstellt.

Dabei wird allerdings alles ausgeblendet, was als Gegenstück zum sicheren Hafen nötig ist, nämlich die natürlichen und menschengemachten Unbillen der See, bzw. des Seehandels und seiner Opfer, ebenso aber auch die anderen alltäglichen Probleme, den Schmutz, die Enge und die harte Arbeit der Matrosen. Es handelt sich also nicht nur um eine Idealvorstellung vom „schönen Hafen“, sondern es ist eine begrenzte und auf ein Ideal gerichtete Wahrnehmung bereits schon Ursache, dass sich die Idealvorstellung überhaupt bilden kann.

Das positiv konnotierte und assoziierte Bild vom Hafen, entwickelt sich, je weiter sich der Blick aus dem Hafen heraus und weg vom finanziellen Vorteil und Handel und gleichzeitig aufgrund des Blickwinkelwechsels weg vom Abenteuer und der Ferne nach innen, zum Hafen selbst und damit auch weg von diesen Elementen richtet, immer mehr zum Negativen. Anfangs kann dem immer wieder beschriebenen Gewühl, dem Leben noch Faszination und Freude abgewonnen werden, da auch dieses in erster Linie ein Funktionieren und wirtschaftliche Größe anzeigt. Je eher der wirtschaftliche Aspekt in der Hintergrund rückt, desto düsterer wird das Bild und es entwickelt sich die Vorstellung vom Hafen als einem schmutzigen, lasterhaften, hässlichen Ort.
Der Blick weg von den mit Schiffen angefüllten Docks und den Vorteilen des Handels führt hinab und hinein in einen anderen Teil des Hafens, in eine andere Vorstellung.

Der häßliche Hafen

Der „hässliche“ Hafen wird von Reisenden kaum begangen oder zumindest wird nicht offen über diese Begehung gesprochen. Dies ist möglich, da es sich hier um einen weiteren Teilbereich handelt, der auch örtlich, zumindest zum Teil einen anderen Subraum bildet. Es ist nun nicht mehr der Raum des Hafenbeckens der Ankunft, der Warenhäuser, der Börse und Kaffeehäuser. Da diese Elemente, an denen maßgeblich die positiven Konnotationen und Assoziationen hängen, fehlen, können diese nicht mehr aktiviert werden. Interessant und gut zu beobachten ist dabei erneut die selektive Wahrnehmung, die wieder in großem Maße mit Unwissenheit und naiven Vorstellungen zu tun hat.
Erneut betrifft dies besonders die Schiffe. Diese sind im Hafen ausschließlich positiv assoziiert und dies obwohl ganz ähnliche Handlungen auf ihnen ablaufen wie diejenigen, auf die der Blick im „hässlichen Hafen“ fokussiert wird. So ist es besonders bei der englischen Kriegsmarine des 18. und frühen 19. Jahrhunderts nicht selten, statt die Matrosen in das Hafenviertel zu lassen und damit Desertionen zu provozieren, diese ihren „Urlaub“ auf dem Schiff ausleben zu lassen, was entsprechend mit Alkohol und Prostituierten, die dafür aufs Schiff gebracht werden, von statten geht. Das Schiff ist jedoch augenscheinlich so stark mit positiver Symbolik überformt, dass dies nicht wahrgenommen, bzw. im Zusammenhang mit diesen wiedergegeben wird.
Diese Form des Hafenraums spannt sich in der Wahrnehmung über die Matrosenwohnungen, Bordelle, Spielhäuser und Trinkstuben auf, die, zusammen mit den zum Schiffsbetrieb nötigen Bereichen, (nicht nur in der Wahrnehmung) eigene (Vor-)Städte für sich bilden können.
In diese Bereiche werden zudem beispielsweise in Amsterdam im Laufe des 18. Jahrhunderts alle Bordelle der Stadt verbannt, so dass nur noch die Hafenviertel diese beinhalten, was sich zwangsweise auf die Wahrnehmung auswirken muss.
Armut, Prostitution und das Maritime verschmelzen so räumlich, wie auch in der Wahrnehmung, zu den s.g. „Sailortowns“, die alles moralisch und sozial Ausgegrenzte beinhalten können. Das sich ergebende Hafenviertel ist zusätzlich durch Armut (besonders als selbstverschuldet klassifizierte) und die unteren sozialen Schichten gekennzeichnet.
Diese Bereiche werden oftmals auch nicht zu den anderen Konstruktionen des Hafens hinzu gezählt. Sie können jedoch die gesamte Hafenstadt charakterisieren, wenn diese als Symbol für das Auszugrenzende herhalten soll. Vor allem bilden die Matrosen mit ihren typischen „Landhandlungen“ in ihrem Terrain den roten Faden. Sie sind es, die sich dort befinden, den Raum besetzen und diese Variante des maritimen Charakters anzeigen.

Ausgehend von der Wahrnehmung aber auch der Verbannung bestimmter als negativ geltender Gewerbe wie der grundsätzlich, zumindest öffentlich als moralisch verwerflich deklassierten Prostitution und Hurerei5 in diese Bereiche, ergibt sich das Bild vom Hafen als lasterhaftem, „hässlichen“ Ort, wodurch sich dieses Bild noch stärker verfestigen und ausbauen kann. Hier zeigt sich noch einmal besonders die Vorstrukturierung der Wahrnehmung. Bereits vor Begehung existiert die Vorstellung vom „hässlichen Ort“ oder es existieren zumindest sittliche Vorstellungen, die, zusätzlich gepaart mit und gründend auf Unverständnis, sich auf die Elemente, besonders die vorhanden Personengruppen und deren Handlungen beziehen. Dadurch entsteht eine Erwartungshaltung und eine selektive Wahrnehmung. Mit dem Begehen des Hafens kann so diese Erwartung im Sinne einer „self- fullfilling prophecy“ erfüllt werden. Der Hafen oder besser die Sailortowns werden so letztlich zum Bestätigungsfeld der bereits semantisch aufgeladenen Elemente und damit auch des aus ihrer Anordnung entstehenden Raums. Diesen hier beschriebenen Raum als „hässlich“ in seinen verschiedenen Bedeutungen zu empfinden und zu beschreiben, bedeutet also, sowohl bestimmte sittliche und letztlich auch ästhetische Vorstellungen bereits vorher verinnerlicht zu haben, als auch diese erneut zu bestätigt zu sehen.

Der „hässliche Hafen“ ist also räumlich vor allem durch das Hafenviertel repräsentiert. Zwar sind auch hier weiter Warenhäuser anzutreffen, diese verlieren aber ihr repräsentatives Äußeres. Zusätzlich mit dem Fehlen anderer, für die „Schönheit“ so wichtiger Elemente, können hier positive Assoziationen und Empfindungen kaum gebildet werden. Das Hafenviertel offenbart die gern ausgeblendete Kehrseite des „schönen Hafens“, des Abenteuers und Reichtums.
An deren Stelle tritt Dunkelheit und Enge, sowohl in Form der Wahrnehmung des Raums, als auch in Form der semantischen Aufladung, besonders im Hinblick auf sittliche Vorstellungen, die hier frustriert werden. Dabei liegt auch hier eine Komplexitätsreduktion durch die Zeitgenossen vor, die den „hässlichen Hafen“ vom „schönen“ abkoppelt.
Der „hässliche Hafen“ konstituiert sich vor allem über die eben erwähnten, ärmlich wahrgenommenen Wohnstätten der unteren Schichten und die auf deren „Bedürfnisse“ ausgerichteten Gewerbe, womit hier oftmals Trinkstuben und Bordelle gemeint sind. Dazu treten die entsprechenden Handlungen, wie der exzessive Alkoholkonsum, Diebstahl und Gewalt, die weiter für eine Atmosphäre der Unsicherheit und Sittenlosigkeit, der Gefahr sorgen.
Auf diese Elemente fokussiert sich der Blick, so dass sich entsprechend der Raum bilden kann. Dieser Raum wird vor allem als Milieuraum wahrgenommen, als Ort, der von einer über ihre negativen Eigenschaften als homogen konstruierten Gruppe bestimmt wird.
Zu diesen gehören entsprechend einfache Matrosen und Arbeiter, sowie Dirnen, Seelenverkäufer, usw., die den Raum atmosphärisch anfüllen. Der Hafen wird damit in der Vorstellung der Zeitgenossen als Wirtshaus von Seeleuten gesehen. So wird folgerichtig auch das Wirtshaus sprachlich als Analogie gebraucht, um den Hafen in dieser Form zu beschreiben und nicht das Kaffeehaus.
Der Unterschied zwischen diesen beiden Formen liegt nicht nur im servierten Getränk, wobei auch dieses selbst unterschiedlich aufgeladen ist, sondern auch im Publikum und den daraus hervorgehenden Assoziationen. Zudem sind gerade Wirtshäuser, im Gegensatz zu Kaffeehäusern, nicht nur in der Wahrnehmung und Vorstellung, sondern auch in den Gerichtsakten mit Gewalt und Prostitution verbunden. Hier kommt es zu Alkohol-, Sex-, und Gewaltexzessen.
Dieses Bild vom Wirtshaus wirkt somit indirekt auf den Hafen, bzw. die Hafenviertel und charakterisiert diese. Wird der Hafen als Wirtshaus der Matrosen beschrieben, so übertragen sich so die Vorstellungen vom Wirtshaus auf diesen.
Der „hässliche Hafen“ und mit ihm die durch ihn charakterisierte Hafenstadt kann nun durch die Verbindung von Armut, unteren sozialen Schichten, sowie als unmoralisch empfundenen Handlungen zum Symbol alles Schlechten werden und zum Abgrenzungsraum der „bürgerlichen“ Gesellschaft.

3. Das soziale und kulturelle Milieu

Unser Name beschreibt auch das sozio-kulturelle Milieu oder besser die Lebenswelten, um die es und in der Darstellung besonders geht. Dabei ist es wichtig, dass der Begriff „Volck“ eine andere Bedeutung als der heutige Begriff „Volk“ aufweist. Statt „Volck“ im Sinne der Bevölkerung eines Nationalstaates oder schlimmere Auswüchse, wird in der Frühen Neuzeit damit ursprünglich nur eine Gruppe von Personen mit bestimmten Funktionen oder Grundeigenschaften bezeichnet. Ein typisches Beispiel wäre das „Kriegsvolck“ als Gruppe der zumeist niederen(!) Soldaten. Das Haven-Volck ist damit nichts anderes als die oft negativ konnotierte Bezeichnung der Akteure, Gruppen, sozialen Schichten, die sich im hafenstädtischen Raum, bzw. den Hafenvierteln, bewegen.

Innerhalb dieser hafenstädtischer Milieus sind bei uns grundsätzlich keine Grenzen gesetzt, so dass wir uns auch nicht allein auf untere soziale Schichten beschränken, sondern die Vielfalt in Grenzen zu fassen suchen, die das zeitgenössische Phänomen der Hafenstadt ausmacht.
So sind bei uns Darstellungen von Seeleuten, Schiffern, Schneidern, Seifensiedern, Wundärzten/Barbiere und vieles mehr zu finden, um ein möglichst breites Spektrum an hafenstädtischen Stereotypen vorweisen zu können.