Projekte

In diesem Abschnitt werden wir immer wieder einzelne bereits durchgeführte oder noch durchzuführende (und in der Regel auch anfragbare) Projekte vorstellen, um einerseits unser Repertoire zu präsentieren aber auch, um andererseits unsere konkreten Lösungsansätze für die im Theorieteil besprochenen Probleme zur Diskussion zu stellen.

Den Anfang machen Projekte im Themenbereich Naturwahrnehmung.

1. Projekt „Wandel des Waldes“ – Marionettentheater mit Kindern

In diesem 2012 in Zusammenarbeit mit den Freunden der Stiftung der Preußischen Schlösser und Gärten (SPSG) durchgeführten Projekt, sollte die Wahrnehmung des Waldes und dessen Veränderung spielerisch thematisiert werden. Eine Kulisse wurde angefertigt, die durch Veränderungsmöglichkeiten verschiedene Waldvorstellungen abbilden konnte, den „ängstlichen“ Wald, wie auch den späteren Nutzwald. Hinzu kamen Bastelarbeiten der Kinder, die Waldgeister und verschiedene Tiere herstellten, um den Wald zu bevölkern und mittels durch die SPSG bereitgestellter Marionetten bespielen konnten.

IMG_1334

2. Führungskonzept „Naturerfahrung u. -bewältigung in der Frühen Neuzeit (1450-1850) am Beispiel des Waldes“

Nachts im Wald

Hierbei handelt es sich um ein Konzept für eine Führung auf einem geeigneten Park- oder Waldstück bei Dämmerung oder nachts.

Mit Hilfe dieser Führung soll ein Blick in den Alltag der Frühen Neuzeit geworfen werden. Das Thema ist dabei die Naturwahrnehmung und die Naturbewältigung. Der Fokus liegt dabei auf dem Wald als Raum und der Naturangst als Phänomen, die regional und schichtspezifisch noch bis ins 19. Jahrhundert hinein die Naturwahrnehmung prägte.

Es gibt dabei zwei Varianten der Führung. Die erste Variante besteht in einer szenischen Führung, in der die Gäste in das Geschehen involviert sind; sie sind es, die den Wald durchqueren müssen und dabei auf einen waldkundigen Führer angewiesen sind. Die Gäste befinden sich also mitten in der Frühen Neuzeit. Die zweite Möglichkeit ist für eine größere Anzahl an Besuchern gedacht und besteht in einer angeleiteten Führung durch einen Guide, der in und durch den Wald der Frühen Neuzeit (ein)führt, vorbei an den „lebenden Exponaten“ in Form kleinerer szenischer Darstellungen, eine Art „performativer Ausstellungsstücke“. Die zu klärenden Fragen sind dabei die gleichen, jedoch kann intensiver auf Fragen eingegangen und detaillierter in die Materie eingedrungen werden, das „Erfassen“ mittels eines alternativen Ausstellungsmediums steht im Vordergrund, während in der szenischer Führung ein „Erleben“ zur Weiterbeschäftigung mit dem Thema anregen soll. Bei beiden Varianten soll am Abschluss eine Diskussionsrunde stattfinden, in der das Gesehene noch einmal besprochen wird.

Als Ort ist ein Park oder Wald bei fortgeschrittener Dämmerung oder nachts geeignet.

Personenzahl:

immersiv: maximal 12 Personen

Guide: maximal 30 Personen

Je nach Örtlichkeit auch optional mit Übernachtung inkl. Erzählrunde am Beginn oder Ende.

Erweitert werden kann die Veranstaltung insbesondere für Schulklassen durch Phasen der angeleiteten Selbsterarbeitung der Naturwahrnehmung anhand geeigneter Quellen, die als Vorbereitung dienen und das Gesehene deuten helfen. Im Anschluss kann das Gesehene erklärt und eine Reflektions- und Ergebnissicherungsrunde abgehalten werden.

Die Wahl auf den Wald ergibt sich dabei aus seiner zeitgenössischen Kategorisierung als „widrigen Ort“. Als solcher gilt er, neben seiner Funktion als Ressourcenlieferant und politischer Konfliktraum, auch als magisch gedeuteter „Unraum“ und bildet die Schablone für die Frage nach unterschiedlichen Mechanismen der Weltdeutung und Angstbewältigung. In dieser Hinsicht spiegelt sich in ihm der Kampf unterschiedlicher Weltdeutungen, der sich zwischen heidnisch-magischen, christlich-magischen und „neuen“ naturwissenschaftlich-aufklärerischen aufspannt, von denen insbesondere die ersten beiden während der Führung thematisiert werden. Es geht also um den Wald als „kulturelle Ressource“.

Verstärkt wird diese Bedeutung zusätzlich durch die Nacht, die in der Frühen Neuzeit ebenso eine besondere Bedeutung in der Wirklichkeit der meisten Menschen einnimmt, indem gerade dies die Tageszeit des magischen aber auch illegalen menschlichen Treibens ist, sich also in mehrerer Hinsicht der „Norm“ entzieht.

Beide Aspekte sollen thematisiert werden. So trifft die Gruppe während der Führung immer wieder auf Ereignisse, die frühneuzeitlich gedeutet werden sollen, auf Aspekte des Reisens durch den Wald verdeutlichende Stationen wie „Verirren“, „Versinken“ und „Raub“ bis hin zu scheinbar magischen Ereignissen wie „Waldgeister“, „Wiedergänger“ und „Hexen“, mit denen umgegangen werden muss. Der frühneuzeitliche Umgang im Sinne der Naturangst, also zeitgenössische Bewältigungsstrategien, die mehr oder weniger erfolgreich sein können, wird dabei durch die verschiedenen zeitweise begleitenden Darsteller präsentiert.

Am Ende der Führung soll eine kleine Reflektionsrunde abgehalten werden, in der die Teilnehmer, optional bei einer kleinen frühneuzeitlichen Nachtmahlzeit über das Geschehene berichten, sich austauschen und Fragen stellen können.

Team der Waldführung 2015

Wissenschaftlich-theoretische Grundlage:

Die Natur wird in diesem Konzept grundsätzlich als sozio-naturaler Raum begriffen, der sich aus (kulturellen) Praktiken und Ensembles von „natürlichen“ und „künstlichen“ Objekten zusammensetzt. Dabei werden zwei Ebenen in den Blick genommen, die symbolische (die Frage nach Deutung und Sinnstiftung, die sich selbst auf sog. „Wildnisse“ erstreckt, denn auch diese sind immer schon gedeutet und bewertet) und die bio-physische (die Frage nach gegenseitigem physischem Einfluss).

Beide Ebenen beeinflussen sich gegenseitig. So wirken Deutungen über Praktiken physisch in das natürliche Ensemble hinein, während natürliche physische Begebenheiten und Ereignisse die Deutung und Sinnstiftung beeinflussen.

Der Blick richtet sich grundsätzlich auf das Verhältnis der Trias von Gesellschaft, Natur und Technologie und deren Wechselwirkungen.

Eine weitere Dimension der Beschäftigung greift das Thema der sozio-kulturellen Konstruktion von Räumen auf. Als sozio-naturaler Raum ist der Wald eben auch Raum und damit eine institutionalisierte relationale (An)Ordnung verschiedener Elemente, die sich vor allem durch Handlungen am Leben erhält und nur in der Wahrnehmung fertige Ganzheit und als „Behälterraum“ erscheint, in dem man sich bewegt statt Teil dessen zu sein oder anders: auch der Wald als Raum ist vor allem ein spezifisches Wahrnehmungs- und Handlungsmuster.

Ziel der Erarbeitung ist den Teilnehmern ein Verständnis dieser Konstitution des Raums wie sie in der Wissenschaft diskutiert wird zu ermöglichen. Am Beispiel Wald gilt es herauszuarbeiten welche Elemente für diesen Raum konstitutiv sind. Zu diesen gehören gerade nicht nur Objekte in ihrer materiell-physikalischen Art, sondern ebenso Lebewesen, deren Handlungen, Geräusche und Emotionen, sowie Assoziationen und die jeweilige Bedeutung all dieser Elemente, sowie ihres Zusammenspiels. Die Veränderung der Wahrnehmung des Waldes kann mit Hilfe dieser Herangehensweise erklärt werden (so werden ihm bestimmte Elemente entzogen oder anders gedeutet was sich auf das Gesamtensemble auswirkt), genauso wie das Bild, die Vorstellung vom Wald, seine Bedeutung in einer Gesellschaft (je stärker der Wald durch Holz als Ressource geprägt ist, je mehr dieses Element bestimmend wird, desto mehr verliert er seine Bedeutung als magischer Ort).

Die Teilnehmer lernen also die wechselnde Bedeutung der konstitutierenden Elemente kennen und wie sich daraus der Raum in Form von institutionalisierten Wahrnehmungs- und Handlungsmustern bildet. Der Raum verliert so seinen Status als vermeintlich Vorgegebenes und wird zu einem Gemachten.