Reenactment, Living History und Experimentelle Archäologie unter kritischem Gesichtspunkt

Probleme der einzelnen Darstellungsbereiche und Lösungsvoraussetzungen

Die erlebnisorientierte Geschichtsdarstellung und Vermittlung lässt sich in grob drei Bereiche teilen, die hier angesprochen und in ihren Problemen thematisiert werden sollen, um dann Erkenntnisvoraussetzungen zu formulieren, die für eine Lösung nötig wären.

Reenactment

Mit Reenactment (engl.Wiederaufführung/Nachstellung) kann man klassischerweise die Neuinszenierung geschichtlicher Ereignisse, vor allem Schlachten, bezeichnen. Sie erhebt den Anspruch der Erlebbarkeit und der authentischen Darstellung, wie auch der Verständlichkeit und Anschaulichkeit dieser Ereignisse.

Die Frage ist hierbei allerdings, was ist denn ein Ereignis und was ist ein „wahres“ Ereignis? Jedes Ereignis wird zu einem Ereignis gemacht, also als fester Punkt in der Vergangenheit definiert, mit Bedeutung aufgeladen und mit einer relativen Einigung versehen, was denn passiert sei. Das aber ist ein Trugschluss.

Beispiel: Kolumbus

Ereignis: Entdeckung Amerikas

Die erste Frage ist hier bereits, wie ausgedehnt ist dieses Ereignis eigentlich? Beschreibt es die Landung, die Abfahrt, die Rückkehr oder ist es erst mit der Feststellung, tatsächlich einen neuen Kontinent entdeckt zu haben abgeschlossen? Was ist Teil des Ereignisses? Nur Kolumbus? Seine Mitfahrer? Die Geldgeber? Das Leben an Bord von Schiffen? Die Krankheiten und Beschwernisse? Die Emotionalität der Entdecker oder nur der Sprung an Land? Und vor allem kann dieser Vorgang nicht auch aus Sicht der Natives beschrieben werden? In dem Fall aber löst sich die scheinbare Eindeutigkeit des Ereignisses in seinem Ablauf aber auch in seiner Bedeutung auf.

Ergebnis: Reenactment stellt eine Interpretation eines Punktes in der Vergangenheit als Ereignis dar, dem aus heutiger Sicht Bedeutung gegeben wird.

Die Frage ist also, wie kann ich diese Relativierung einbauen, anzeigen oder wie kann ich aus dieser Erkenntnis heraus mich selbst betrachten und damit meine Interpretation des Ereignisses hinterfragen, als solche enttarnen und damit meine eigenen Vorannahmen (z.B. den eigenen Eurozentrismus) umgehen, von denen meine Interpretation abhängig ist.

Ziel wäre es also, die Relativität von Ereignissen ebenso darzustellen, die Blickwinkel und Perspektiven, die Vorannahmen, die Begrenztheit, die Konstruiertheit, um damit nicht zu einem Geschichtstheater zu verkommen, das doch nur jene Vorannahmen unhinterfragt bestätigt.

Living History

Living History (engl. gelebte Geschichte) beschäftigt vor allem mit der Darstellung historischen Alltags, also Personen, Kleidung, Ausrüstung und Gebrauchsgegenständen, Handlungen, Tagesabläufen, usw. Der Anspruch besteht in einer „Authentizität“ oder „Quellennähe“ was vor allem Material und Stil angeht, die möglichst realistisch der dargestellten Epoche entsprechend sollen. Hinzu kommen Verständlichkeit, Anschaulichkeit und Erlebbarkeit.

Die Fragen sind hierbei, wie denn ein Alltag allumfassend dargestellt werden könne? Wie soll Verhalten korrekt wiedergegeben und verstanden werden? Was ist eigentlich Alltag? Und besteht Alltag nicht auch aus Ereignissen, nur eben alltäglichen und trifft damit nicht auch alles zum Reenactment Gesagte auch hier zu? Und ist es dann nicht auch umgekehrt? Was ist mit Dingen, die gar nicht dargestellt werden können aber eben bedeutender Teil des Alltags sind? Gewalthandlungen, Gefahren aller Art, Emotionen einer gänzlich anderen Gefühlskultur? Die permanente Bedrohung von Armut? Die Bedeutung von Verhalten für das Leben und Schicksal von Personen?

Beispiel: Bild mit Wirtshausschlägerei

Alltagspraktik: Streit

oder

Beispiel: Szene aus Faust

Faust:

Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,
Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?

Margarete:

Bin weder Fräulein, weder schön,
Kann ungeleitet nach Hause gehn.

Hierbei geht es allerdings nicht um Goethes Faust als literarisches Werk, sondern als Quelle für dort verarbeitetes Verhalten, das in dem Falle in seiner Negation inszeniert wird. Ebenso wenig geht es um Fragen genereller Quellenkritik, die natürlich zusätzlich durchgeführt werden muss, sondern vor allem um Fragen, die bei der Übersetzung einer Quelle oder generell Praktik in eine Darstellung auftreten.

Alltagspraktik: Begegnung zweier Menschen

Was passiert in Bild oder Beschreibung? Wie sind diese Alltagsszenen zu beschreiben? Was gehört dazu? Die Öffentlichkeit? Der soziale Status? Die Kleidung? Der Raum? Was ist „Öffentlichkeit“, wie wird diese konstituiert, wahrgenommen, vorgestellt und wie übt sie Einfluss auch auf alles aus, was nicht direkt dargestellt wird? Was ist der Raum als dessen Teil diese Praktik stattfindet? Wer streitet oder begegnet sich, wie wird gestritten und begegnet und warum? Handelt es sich um eine adäquate Reaktion oder um eine übertriebene? Eine legitime oder illegitime und was für wen?

Wie werden Gewalt oder Begegnung erlebt, was sind Gewalt oder öffentliche Begegnungen überhaupt, ist das eine eine Flirtszene und das andere überhaupt eine Gewaltszene im negativen Sinne? Wird angestachelt oder verhindert? Wieso? Was sind die Logiken eines Streits und wie führen diese zu einem solchen (stereotypen) Punkt der Darstellung?

Was ist mit den vielen Selbstverständlichkeiten des Alltags, die nicht dargestellt werden, weil sie den Zeitgenossen eben selbstverständlich und allgemein gegeben sind, die für die Logik einer Praktik aber ebenso nötig sind oder scheinen?

Die Frage ist also hier: was sehen wir eigentlich?

Ergebnis: Es ist eine vermeintlich alltägliche Szene, die wir glauben zu verstehen, weil sie anschlussfähig an unseren Alltag ist! In dem Moment aber machen wir diese Szene zu einer Szene unseres Alltags. Am Beispiel Fausts meinen wir zu wissen, dass Gretchen zu diesem sagt, sie sei nicht schön. Aber das meint eben kein modernes „schön“, trotz gleicher Vokabel, sondern in dem Kontext der Zeit ein „schön“ im Sinne des sozialen Status (Adel). Das Selbstverständliche ist hier eben genau jenes Wissen um den Kontext dieser Szene einer spezifischen Öffentlichkeit und bestimmten sozialen Regeln, die selbst ja nicht dargestellt sind. Gretchen kann so „hässlich“ sein, wie sie will, ist sie adlig, ist sie in dieser Wortbedeutung „schön“. Da die dies nicht ist, muss sie entsprechend handeln, wobei auch hier die Frage ist, handelt sie der Norm gemäß oder entgegen dieser?

Es geht also darum, dass wir meinen eine Szene in ihrer Bedeutung erkannt zu haben aber letztlich nur eine moderne Szene daraus machen, indem wir alles nicht gezeigte Selbstverständliche mit eigenem Selbstverständlichen auffüllen. Unsere Wahrnehmung interpretiert automatisch, Wahrnehmen ist ein Konstruktionsprozess, in dem anhand markanter Merkmale eine soziale Szene entschlüsselt wird, um schnell mittels gespeicherter Muster handlungs- und sozial anschlussfähig zu sein. Das aber bedeutet, dass unser Gehirn mittels unserer Wissensbestände, Leerstellen der Szene füllt, zum Beispiel indem wir meinen zu wissen, wie es sich auf beiden Seiten anfühlt, wie die Körpersprache sein sollte, welche Bedeutung dieser Alltag, die Begriffe, Haltungen, der Habitus habe. Damit aber spielen wir eine historische Szene als moderne Szene, die mehr mit unseren Annahmen zu tun hat, als mit den historischen Akteuren.

Nutzbar machen kann man dies allerdings, um sich auch hier von eigenen Annahmen erst einmal zu befreien und z.B. zu schauen, was bedeutet denn „schön“ zu der Zeit und wie muss ich das übersetzen? Wie verhält sich denn eine Magd zu der Zeit? So wie ich denke und aus Filmen kenne oder doch nicht. Damit kann ich dann MEIN Bild einer Magd von seinen Vorannahmen befreien und ERST DANN etwas über Mägde aus der Zeit lernen. Das gilt aber auch für die Wahrnehmung der Zuschauer. Auch diese sehen sich und ihre Zeit oder selbst moderne Interpretation von „Fremdheit“ aber nicht den historischen Alltag. Handeln, Sprechen und selbst Fühlen ist sozial erlernt, es folgt Regeln, die wir alle verinnerlicht haben und das nicht merken. Diese aber müssen ebenso entschlüsselt werden, wie die zugehörigem Muster der historischen Menschen, um im Abgleich das Moderne aus dem Historischen zu entfernen und dieses ggf. so übersetzen, dass es verstehbar ist, nur geht dann der historische Habitus, der nicht oder falsch verstanden wird verloren. Der richtige Spagat ist hier das Problem.

Experimentelle Archäologie

Dieser vermeintlich exakteste und wissenschaftlichste Bereich ist ein Spezialgebiet der Archäologie, der sich der Erforschung vor allem technologischer und materialtechnischer, wie auch konstruktionstechnischer Fragestellungen widmet und praxisbezogene Aspekte historischer Lebensweisen untersucht. Bekanntestes Beispiel ist wohl der Bau einer Burg in Frankreich.

Der Anspruch ist der von wissenschaftlich fundierten Aussagen zu klar eingegrenzten Fragestellungen.

Beispiel: Rekonstruktion von Nahrungsmittelproduktion

Zuerst einmal muss man auch hier sagen, dass der Bau von etwas immer zugleich Ereignis und Alltagshandlung ist, also auch hier Ebenen ignoriert werden, die den Vorgang selbst beeinflussen. Die Zugänglichkeit von Werkzeugen ist heute eine andere, so dass fast immer von Idealsituationen ausgegangen wird. Die Arbeitsleistung unterscheidet sich stark, die Bedingungen und Bedeutungen der Arbeit, usw.

Hinzu kommt das fertige Ergebnis. Zu wissen, wie man zum Beispiel Grütze kocht, inkl. aller Anbau- und Herstellungsprozesse sagt nichts darüber aus, wie die historischen Akteure dieses Prozess erlebt haben und wie dieses Erleben den Prozess beeinflusste. Es sagt auch nichts darüber aus, wie Grütze den Zeitgenossen geschmeckt hat, das wissen wir nicht einmal, wenn wir sie selbst essen würden, denn auch Geschmack ist sozialisations- und biographiebedingt. Auch diese Variante arbeitet also mit einem extrem verkürzten Verständnis, das nur einen sehr schiefen und modern geprägten Eindruck vermittelt. Die Fixierung auf eine Gegenständlichkeit macht es nicht besser, sondern wirkt sich zusätzlich auf die anderen Bereiche aus, da die Archäologie eher die Leitwissenschaft für dieses Herangehensweisen bereit stellt und damit die soziale und damit eigentliche Dimension der Gegenstände aus den Augen verliert und modern besetzt.

Das Beispiel der Gabel, die nur eine Gabel ist, weil sie so gebraucht wird, wurde bereits in einem anderen Text ausgeführt. Die historische Gabel ist aber auch nur eine historische Gabel, wenn sie die historischen Bedeutungen, Handlungen, Emotionen und Nebenbedeutungen aufweist.

Alles in allem müssen sich alle Herangehensweisen aktuellen erkenntniskritischen Forschungen und Zugängen stellen, was sie bisher nicht getan haben. In den Zugängen steckt Potential, vor allem aber ein Potential nicht des Erlebens, sondern der Offenlegung eigener Vorannahmen und Lücken, die nicht modern besetzt werden sollen, sondern zu weiteren Forschungen anregen.

 

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