Rekonstruktionen

Rekonstruktion von Kleidung und Alltagsgegenständen
„So haben die also ausgesehen!“

Der Haven-Volck e.V. beschäftigt sich natürlich notwendig auch mit Kleidung, bzw. generell mit Sachkultur der Zeit und deren Rekonstruktion. Dabei ergeben sich einige Schwierigkeiten, die die Simplizität des einleitenden Satzes verschleiert. Die Basis der Rekonstruktion von historischen Gegenständen, wie beispielsweise Kleidung bildet eine Menge Recherche, Quellen aller Art müssen ausgewertet werden und die entsprechenden Kleidungsstücke müssen mit möglichst korrekten Methoden, Materialien und Arbeitstechniken geschaffen werden. Das allein ist ein langer und recht beschwerlicher Weg, darüber hinaus ergeben sich aber eine Reihe Probleme, die leicht übersehen werden.

Haben wir den Idealfall und können mit einer „perfekten“ Rekonstruktion aufwarten, so müssen noch eine Reihe weiterer Probleme beachtet werden, bevor obiger Ausspruch Sinn ergeben soll.
Kleidung ist nämlich mehr als nur Schnitt, Form, Farbe, usw., sondern ebenso Trageweise. Auch sind die jeweiligen historischen Sehgewohnheiten unbedingt zu beachten.
Kleidung ist an sich ein komplexes Zeichensystem, dass von verschiedenen Individuen und Gruppen verschiedentlich gelesen und interpretiert werden kann. Das führt dazu, dass ein Polizist, wie auch der Punk als eben jene identifiziert werden können, woran bestimmte Erwartungshaltungen, Affekte, usw. beim Betrachter gebunden sind.
Dies ist sowohl in heutigen, als auch in historischen Gesellschaften der Fall. Die Fähigkeiten auch diese Codes lesen zu können werden im Prozess der Sozialisation erlernt und müssen bei jeder Präsentation von Kleidung reflektiert werden. Andernfalls bedeutet der Ausspruch „So haben die also ausgesehen!“ lediglich „so sehen die für eine Person mit modern geformter Wahrnehmung aus“. Dies allein reicht uns nicht aus.
Bei jeder Darstellung von Kleidung, müssen also auch von uns die Blicke nicht nur auf das konkrete Kleidungsstück gerichtet werden, sondern vor allem auch auf deren Wahrnehmung. Das bedeutet natürlich eine besondere Herausforderung aber auch eine besondere Chance, sowohl historische Lebenswelten, als auch zeitgenössische zu erleben, zu hinterfragen, zu reflektieren.

Kleidung, wie generell Alltagsgegenstände müssen demnach umfassend als „Materielle Kultur“ begriffen, untersucht, rekonstruiert und dargestellt werden, die den Kontext, die kulturelle, sozial geteilte Bedeutung und Verwendung  umfasst und in der Präsentation der Rekonstruktion Einzug halten müssen.

Rekonstruktion sozialer Räume, Interaktion und Kultur

Geschichte und damit notwendigerweise deren Vermittlung via Living History beeinhaltet mehr als Sachgegenstände und Handwerkstechniken.
Wichtig ist neben deren Vermittlung auch die Vermittlung von Wissen um die Konstruktion und Konstitution der jeweiligen Gesellschaften, ihrer Gewissheiten, Mechanismen, warum und wie sie funktionierten und das auf den verschiedenen Ebenen. Damit nimmt der Haven-Volck e.V. eine stark kulturgeschichtliche Perspektive ein.

Ein Mittel auch diese Ebene zu bedienen ist bei uns die Inszenierung der Konstitution sozialer Räume.
(Soziale) Räume sind laut der Soziologin Martina Löw nichts anderes als relationale (An)Ordnungen von Lebewesen und sozialer Güter und die Speicherung dieser (An)Ordnungen in mehr oder weniger festen (Handlungs-)Routinen. Anders ausgedrückt, rufen bestimmte Räume auch ganz bestimmte Handlungen hervor (man könnte auch sagen, sie sind diese Handlungen) und daran gekoppelt Normalität und Normativität. Zusätzlich zu der Konstruktion dieser Räume, gilt es die damit im Zusammenhang stehenden sozialen Räume ebenso sichtbar werden zu lassen. Sozialer Raum meint dabei nichts anderes, als das soziale Umfeld des Zeitgenossen in der jeweiligen Situation, das seine Stellung innerhlab der Gesellschaft bestimmt. Dies gilt es in den Inszenierungen zu verdeutlichen.
Dabei werden die entsprechenden Räume, wie beispielsweise das Wirtshaus vor allem durch Interaktion konstruiert.
Für die Vermittlung ist dabei meist ein „Übersetzer“ nötig, um dem modernen Betrachter die verschiedenen Hanfdlungen und Codes näher bringen zu können.
Die meisten Inszenierungen sind dabei also moderiert, ja müssen dies sein, um die Sehgewohnheiten der modernen und der zeitgenössischen Person anzupassen.

Dadruch, dass sich der Blick weg vom Raum als Behälter, hin zu seiner Konstruiertheit in Handlungen richtet, können die Darsteller während der Inszenierung den Raum wechseln, ohne den Ort. Dadurch können nicht nur die verschiedenen Räume und die ihnen inne wohnenden Prozesse verdeutlicht werden, sondern auch die Konstruiertheit selbst. Besonders die Vielschichtigkeit der einzelnen Räume, man könnte sagen, die Subräumlichkeit soll ebenfalls betont werden.
So wird in dem Wirtshaus nicht nur getrunken, sondern auch Gericht gehalten. Der Ort bleibt dabei gleich, der Raum und die in diesem stattfindenden Handlungen änder sich aber. Ähnlich ist es bei der Kirche, in der sich soziale Räume, wie der sakrale, soziale und öffentliche, überschneiden, so dass auch die Kirche, sogar zeitgleich als multifunktionaler Raum erscheint. Nicht der Ort muss sich dafür ändern, sondern der Raum, der an diesem vollzogen wird und damit die Rollen,  die soziale Bühne und die Handlungsspielräume, was in den Erfahrungen und Erwartungen der Zeitgenossen und der Konstitution ihrer Lebenswelt begründet ist.

Im besten Fall steht bei all diesen Inszenierungen, bzw. der Gesamtheit der Vermittlung die Vermittlung von Kompetenzen dies selbst herauszufinden und damit im Idealfall die Möglichkeit auch sich selbst und die eigene Gesellschaft kritisch zu hinterfragen und zu dekonstruieren im Vordergrund, bzw. ist Ergebnis dessen.